Die künstlerische Sprache von Kevin B.


Die Malerei als „Muttersprache“
Kevin ist kein Mann der Worte. Ein Ja, ein Nein. Dabei bleibt’s normalerweise. Für den, der einen Künstler vorstellen soll eine wahre Katastrophe. üblicherweise haben Künstler sehr viel zu sagen, zu erzählen, zu erklären. Nicht so Kevin. Er macht das wahr, was andere, Hochragende, sich auf die Fahnen geschrieben haben; die Malerei ist seine Sprache. Und auch wieder nicht. Sein Bestreben ist es nicht, den Menschen die Welt zu erklären. Er hört vielmehr zu: den Farben, wenn sie einander bekämpfen, streiten, sich gegenseitig beeinflussen, sich umschmeicheln, ineinander aufgehen, den Formen, wenn sie autoritär eine Fläche behaupten, eine Bewegung angehen, kraftvoll in den Raum singen.
Kevin hat sich die Welt der Malerei auf eine erstaunliche Art erobert. Man kommt nicht umhin, bei Kevin B. den familiären Kontext in der Person seines Vaters Robert Brandy, selbst ein höchst erfolgreicher, vielseitiger Kunstschaffender anzusprechen.
Wie nun ordnet man diesen Bezug ein?
In der Linguistik gibt es die Begriffe der „Langue“ und der „Parole“ wenn es um Spracherwerb geht. Extrem vereinfacht stehen diese Begriffe für die Art und Weise, wie man sich eine Sprache aneignet.
“Langue“ steht dabei für die Vorgehensweise bei der man zuerst Regeln, Strukturen und Paradigmen erlernt, um dann die Sprache zu benutzen. Die „Parole“ baut sich im Gegensatz dazu nach und nach durch die Benutzung erst auf. Die Regeln erschließen sich über die konkrete Anwendung. Ein Kind lernt seine Muttersprache nicht über Regeln und Theorien, sondern in direktem Einüben in einem konstanten Trial-Error bis es die zugrundeliegenden grammatischen Regeln korrekt anwendet.
Als ich Kevin in seinem Atelier besuche, wird mir klar, dass er die Sprache der Malerei mit eben diesem Prozedere erlernt hat. Nur dass es in seinem Fall die „Vater-„ und nicht die „Muttersprache“ ist.
Und es ist nur logisch, dass er grundlegend durch die Bildsprache seines Vaters geprägt worden ist. Er ist eben auch ein Brandy, aber ein anderer. Den beiden eigen ist das formale Bestreben nach Gleichgewicht. Dabei ist die Farbgebung bei Kevin grossflächiger, elegischer und melodiöser, wo sie bei Robert Brandy nervöser, rhythmischer und filigraner ist.

Kevin bewundert Picasso. Vielleicht mit ein Grund, weshalb er sich der Collagetechnik zugewandt hat, eine Technik die zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Fahrtwasser des Kubismus auftaucht. Vielleicht aber auch eine malerische Antwort auf Robert Brandys Biografiecollage um Bolito Blane. Kevin bleibt uns die Antwort schuldig. Er ist am Bild interessiert, nicht an der Interpretation. Ein Maler reinsten Wassers.

Die Collagen verbinden die eigene Formsprache mit der grafischen Welt der Reklame der 40er, 50er, 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Das Bestreben, diese ästhetisch ansprechenden Werbebilder in seinen eigenen schwungvollen Gestus einzublenden führen zu übermalungen, Verwischungen die die ästhetisch-strenge Bilderwelt spielerisch aufbrechen.

Ganz besonders pikant ist dabei eine Arbeit, in welcher ein Werbeplakat, das augenscheinlich der Nazizeit entstammt, verfremdet wird. Dieses Bild wird auf geradezu aufreizende Weise eine Metapher für die Verführungskunst der Werbung. Im Schlaglicht dieser Collage betrachtet man die einzelnen Arbeiten der Serie wieder mit ganz neuen, geschärften Sinnen. Man hinterfragt das ästhetische Geschehen und wird unversehens zum kritischen Betrachter. In einer Welt, die von Werbung so hochgradig beeinflusst wird wie die unsrige, gelingt Kevin B. der Spagat zwischen visueller ästhetik und reflektierender, künstlerischer Interpretation dieser Vorgaben mit einer traumwandlerischer Leichtigkeit. Es ist die Leichtigkeit des Muttersprachlers. Seine Bilder loten vielfältige Haltungen aus: Zwischen „einfach nur ästhetisch ansprechend“ bis „schockiert über die eigene Verführbarkeit durch schöne Bilder“ habe ich beim Betrachten dieser Bilder vieles erlebt und einiges verstanden.
 
 
Sonja Kettmann
Juni 2011


 © 2007-11 Kevin Brandy letztes Update: 14-Aug-11